Variowohnungen — Architektursoziologische Evaluation

Das Bundesinstitut für Stadt-, Bau- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung hat die Arbeitsgemeinschaft SR&E und DGJ Architektur damit beauftragt, im Rahmen einer Post-Occupancy-Evaluation (POE) die Modellprojekte des Programms „Variowohnungen“ architektursoziologisch zu untersuchen. In diesem Forschungsprogramm sind 19 Projekte aus der gesamten Bundesrepublik vertreten. Neben Neubauprojekten finden sich zahlreiche Vorhaben, die Umnutzungen und neue Ideen im Bestand umsetzen. Die gebauten und bezogenen Gebäude sollen aus der Nutzer- und Betreiberperspektive bezüglich ihres Einflusses auf Wohnqualität und Gemeinschaftsentwicklung bewertet werden. Ziel ist es, die Vor- und Nachteile der verschiedenen Konzepte herauszuarbeiten und auf der Basis der Evaluation einen Leitfaden für die Entwicklung von Gemeinschaftsunterkünften zu erstellen.

Personen-Gebäude-Interaktion
Anders als bei herkömmlicher Programmevaluation, bei der Effizienzgesichtspunkte im Vordergrund stehen, geht es hier also um die Wirkung auf eine bestimmte Lebensform—das Zusammenleben in Gemeinschaft—die von der gebauten Umwelt unterschiedlich begünstigt werden kann. Im Zentrum steht die Akzeptanz durch die Bewohner, ihr Wohlbefinden beim Wohnen. Die architektonische Gestalt des Gebäudes, der Raumzuschnitt, Möblierung, Vorkehrungen für Privatheit und eine große Fülle weiterer äußerer Funktionen sind kausal-relevante Determinanten für das Wohn-Wohlbefinden. Aber auch „weiche“ Charakteristiken, die sozialen Merkmale der Gruppe selbst, die gemeinschaftlich zusammenlebt, sind zu berücksichtigen. Erst beides zusammen—die durch das Gebäude gegebenen Funktionen und die Gemeinschaftseigenschaften—bestimmt die Qualität des gemeinschaftlichen Wohnens.

Untersuchungsgegenstände
Die Nutzungsevaluation der Variowohnungen richtet sich zunächst auf die Gebäude selbst: auf die Typologie der Konzepte, die materielle Umgebung, die Nachhaltigkeitsbewertung, Raumnutzung, differenzielle Aneignung und die bauliche Flexibilität. In Bezug auf die Gemeinschaft, die das Haus bewohnt, stehen die konkrete Ausprägung des Gemeinschaftslebens, die Entwicklung und Struktur der Wohngemeinschaft, Wohnbedürfnisse, Nutzertypen, deren Wohnzufriedenheit und das Housing Wellbeing im Vordergrund.

Quer zu diesen beiden in sich komplexen Themenblöcken sind die beteiligten Akteursgruppen zu berücksichtigen: die Nutzer, die Betreiber, die Planer. Daraus ergeben sich jeweils spezifische Sichtweisen, die im Rahmen der Analyse aufeinander bezogen werden müssen. Inwieweit haben sich die ursprünglichen Absichten der Planer umsetzen lassen und inwieweit werden die Ergebnisse von den Betreibern mit Leben erfüllt und von den Nutzern akzeptiert?

Merkmale der Evaluation
Es handelt sich um eine externe Evaluation (d. h. die Förderinstitution nimmt keinen Einfluss). Vom Ablauf her ist sie summativ, findet also nach der Produkterstellung und ersten Nutzung statt. Außerdem hat die Evaluation zwei formale Ziele: die Einzelbewertungen der Objekte und ihre Vergleiche und die Formulierung von Handlungsempfehlungen.

Die Bewertungskriterien für die Evaluation ergeben sich aus den beiden Teilaspekten: die Qualität des Lebens in den Gemeinschaftswohnungen und der Prozess der Planung und des Betriebs der Objekte. Schließlich gehört zur Evaluation ein Evaluationsmodell. Wie und mit welchen Methoden werden die Daten für die Bewertung erhoben? Das Evaluationsmodell umfasst sieben Module zur schrittweisen Abarbeitung:

1. Sichtung der Roh- und Sekundärdaten
2. Austausch mit den Projekten
3. Klassifizierung der Planungs- und Betriebskonzepte
4. Erster Besuch der Gebäude (Vollerhebung)
5. Onlinebefragungen
6. Zweiter Besuch der Gebäude (Unterstichprobe)
7. Entwicklung von Handlungsempfehlungen
8. Ergebnistransfer und Empfehlungen

Die Ergebnisse der Forschung sollen in Planungs- und Handlungsempfehlungen übersetzt werden. Aus Vorläuferprojekten wissen wir, dass weder die räumlich-architektonischen noch die sozialen-organisatorischen Strukturen und Prozesse für sich genommen hinreichende Erklärungen liefern für die Ausprägung des gemeinschaftlichen Wohnalltags, die Wohnqualität und damit für den Erfolg oder Misserfolg der Projekte. Die gelungene Umsetzung eines Konzepts erfordert vielmehr die Koordination einer Vielzahl von Entscheidungen und Prozessen auf unterschiedlichen Ebenen, bei der Nutzer-, Planer- und Betreiberperspektiven Berücksichtigung finden. Als Modell zur Erfassung und Steuerung dieser Zusammenhänge wird eine Matrix von Entscheidungsebenen und Parametern (räumlich, organisatorisch, sozial) angestrebt, mit der die Abhängigkeiten (hemmend, fördernd, neutral) dargestellt werden können.

Das Evaluationsteam
Die Arbeitsgemeinschaft SR&E und DGJ Architektur besteht aus einem interdisziplinären Forschungsteam aus Architekten und Sozialwissenschaftlern. Sie führen seit vielen Jahren im Bereich nachhaltiger und nutzerorientierter Wohnarchitektur gemeinsame Projekte durch. Zugrunde liegt die Überzeugung, dass das Wohnen der Zukunft nicht nur ressourcensparend, sondern auch bewohnerfreundlich gestaltet sein muss. Dabei gewinnt gemeinschaftliches Wohnen als Wohnform Bedeutung sowohl gesellschaftspolitisch, um der Vereinzelung und schwindenden Solidarität in einer zunehmend individualisierten Welt entgegenzutreten, als auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten.

Das Projekt „Architektur-soziologische Evaluation der Modellvorhaben Variowohungen“ wird von Professor Bernd Wegener und dem Frankfurter Architekten Hans Drexler geleitet. Gefördert wird es vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Rahmen der Forschungsinitiative ZukunftBau.

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