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Place Attachment

Anknüpfend an die Schriften und Aktionen von Jane Jacobs in den 50er Jahren in New York findet man von verschiedenen Standpunkten aus in der architekturtheoretischen Literatur und Stadtplanung die Forderung, die Vielfalt in der Stadt zurückzugewinnen, die Stadt als „offen“ zu gestalten. Die „offenen Stadt“ ist eine Stadt, in der Verschiedenartigkeit möglich ist und sich situationsspezifisch Handlungsopportunitäten für die Bewohner eröffnen. Mit dem Konzept der städtischen Offenheit stößt man dann schnell auf die Gegenüberstellung von zwei Elementen. Richard Sennett bezeichnet sie als building und dwelling—als Bauen und Bewohnen: Die gebaute Gestalt der Gebäude und Plätze und ihre von den Planern inten­dierten Funktionen stellen nur die Struktur für das Wohnen dar (building); erst daraus, wie diese Struktur genutzt wird (dwelling), ergibt sich die lebensweltliche Realität für die Menschen. Städtische Offenheit ist in ihrer Abhängigkeit von beiden Elementen zu betrachten. 

Wie aber lässt sich die offene Stadt sicherstellen? Darauf gibt Sennett mit seiner Ethik für die Stadt im Grunde keine Antwort. Er belässt es—auf den Spuren Jane Jacobs‘—bei der Anmahnung von politischen Aktionen zur Verhinderung stadtplanerischer Kahlschläge. Viel zu wenig wird in diesem Zusammenhang davon geredet, dass geschlossene, monofunktionale, verdichtete Städte zur Abnahme der Ortsverbundenheit von Bewohnern zu ihren Städten führen. Weswegen die Rückgewinnung von Vielfalt in der Stadt auf die Bindung der Menschen an die Orte und Quartiere ihrer Lebenswelt angewiesen ist. Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für Offenheit richtet sich damit wesentlich auf die Frage nach dem Verhältnis von Bauen und Bewohnen: von gebauter Umwelt und der Zuwendung durch die Nutzer.

Dass die Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten beim Bewohnen örtliche Bindung voraussetzt, kann als Ergebnis der umweltpsychologischen place attachment-Forschung der letzten 50 Jahre gelten. Gerade unter den Bedingungen der Zunahme räumlicher Mobilität, Entgrenzung und fließender Vernetzung gewinnt der Rückbezug auf Orte, die Kontinuität garantieren, an Bedeutung. Placelessness hingegen wird als gravierende Einschränkung der Lebensqualität empfunden.

Für die Baupraxis und stadtplanerische Orientierung ergibt sich daraus die Forderung, die Lebens- und Gestaltungsqualität der gebauten Umwelt neu in den Blick zu nehmen und den geänderten Bedingungen des Wohnens in der Stadt Rechnung zu tragen. D. h. zur viel beschworenen Bauwende gehört auch, dass die Bedürfnisse der Nutzer und Nutzerinnen empirisch erfasst werden und in den Planungsprozess einfließen. Sich der Nutzerperspektive nicht zu verschließen und die Voraussetzung für persönliche Bindungen an die Stadt zu schaffen, ist Voraussetzung dafür, dass Städte im Sinne Richard Sennetts offen und lebenswert sind.

Um dieses Ziel verfolgen zu können, sind drei grundsätzliche Forschungs­fragen zu beantworten: 1. Was ist Ortsverbundenheit? 2. Wie kommt Ortsverbundenheit zustande? 3. Welche Konsequenzen hat Ortsverbundenheit? Es geht also um die Dimensionen, die Erklärung und die Folgen von Ortsverbundenheit. Mit den Antworten auf diese drei Fragen kann man für die Praxis dann begründen, welche Maßnahmen erforder­lich sind, um städtische Bedingungen zu schaffen, die die Entwicklung von Ortsverbundenheit für die Bewohner befördern. 

In dem geplanten Projekt “Place attachment” sollen in einer bundesweiten Befragung die Bestimmungsgründe für Ortsverbundenheit empirisch über­prüft werden, um diesbezüglich einem rein intuitiven Vorgehen in der Planung vorzubauen. Wir wollen auf diese Weise der Nutzerorientierung in der Planung eine empirische und theoretisch begründete Basis für die Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt geben.

Nähere Auskünfte erteilt Moritz Fedkenheuer